Umweltpädagogische GrundlagenGrundaxiom:Kindern und Jugendlichen Umwelt erfahrbar machen!Das gesamte LÖWE-Projekt zielt darauf ab, Kindern und Jugendlichen die Umwelt erfahrbar zu machen, in der sie leben. Dabei geht die KJG davon aus, daß die meisten Umweltprobleme keine Informationsprobleme darstellen. Noch nie waren Kinder und Jugendliche aufgeklärter über das, was sich um sie herum abspielt.
Allerdings machen systemisch-konstruktivistische Wissenschaften durch neuere Erkenntnisse einmal mehr deutlich, was in der Verhaltenspsychologie lange schon angenommen wurde: Wissen und Informationen stehen nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit Verhalten. Dazu müssen sich mindestens auch Umweltbedingungen verändern, neue Praktiken erfahren oder gar eingeübt werden und sich auch persönliche Alternativen auftun. Eine konstruktivistisch orientierte Umweltpädagogik versucht deshalb zunächst Bedingungen und Hindernisse zu benennen, die es - folgt man einer Metapher Paul Watzlawicks - zu umschiffen gilt. Bedingungen und HindernisseUmweltrelevante Inhalte sind nicht erfahrbar:- Wahrnehmungsproblem:
Die meisten Umweltprobleme sind über die Sinne nicht direkt wahrnehmbar. Wir sind deshalb auf künstliche Hilfen zur Wahrnehmung angewiesen, z. B. auf Messinstrumente. Umweltprobleme spiegeln sich selten im alltäglichen Erleben wider. Die ökologischen Zusammenhänge sind so komplex, daß sie nicht mit all ihren Verflechtungen durchschaut werden können. Auch die Naturwissenschaft stößt bei der Frage nach den ökologischen Zusammenhängen an ihre Grenzen. - Erfahrungsdistanz:
Die Auswirkungen von umweltrelevantem Handeln werden zeitlich oft erst mit großer Verzögerung sichtbar (Ozonloch, Treibhauseffekt). Räumlich treten die Auswirkungen nicht immer am Ort der Verursachung auf. - Gewöhnungseffekt:
Durch langsame, schleichende Veränderungen sind Umweltgefahren schwer wahrnehmbar, was bald dazu führt, daß man sich mit der Zeit an schlechte Nachrichten und sich bestätigende Umweltprognosen gewöhnt.
Umweltbelastungen sind nicht einfach bewertbar. Bewertungen sind aber zwingend, um zu entscheiden, ob ich mich mit einer Frage befasse.- Problem der Abstraktheit
Was ich nicht erfahren kann, kann ich auch schwer bewerten. Umweltprobleme liegen in Form von abstrakten Messwerten vor, die nicht anschaulich sind. Was bedeutet eine bestimmte Zahl, z. B. 0.05 µg Quecksilber im Trinkwasser oder 1 kWh? Welches Gefährdungspotential, welche Umweltbelastung ist damit verbunden? - Problem der kleinen Mengen:
Umweltgefahren entstehen häufig durch die Ansammlung vieler kleiner Mengen; so ist z. B. der CO2 -Ausstoß des Einzelnen unbedeutend, zumal CO2 an sich nicht giftig ist. Erst in der Masse bereitet es Umweltprobleme - Problem der Umsetzbarkeit von Wissen.
Vorhandenes Umweltwissen ist schwer in den Alltag übersetzbar. Diesem steht immer wieder eine Hilflosigkeit bei bestimmten Entscheidungen gegenüber (z. B. bei der Entscheidung zwischen Pappkarton und Flasche) - Problem der Ästhetik:
Unsere kognitive Gewohnheiten/Fähigkeiten sind den Problemen nicht angemessen. Ein Apfel, der schön aussieht, muss nicht gesund sein.
Umweltprobleme sind emotional schwer verkraftbar, da sie unsere Existenz bedrohen. Umweltzerstörung ruft Ängste hervor, die letztlich Ängste vor Krankheit oder Tod sind.- In der Opferrolle:
Wir fühlen uns den Umweltgefahren hilflos ausgeliefert. Als "Opfer" müssen wir die Folgen von Entwicklungen erleiden, für die wir selbst nicht verantwortlich sind. Gepaart mit einer existenziellen Angst führt das Gefühl der Hilflosigkeit zu lähmendem Verhalten. - In der Täterrolle:
Gleichzeitig müssen wir uns eingestehen, daß wir "Täter" sind. Wir tragen mit vielen kleinen Handlungen zur Zerstörung bei und fühlen uns mitschuldig. Daraus entstehen Scham- und Schuldgefühle, die sich in "Gewissensängsten" äußern. In vollem Ausmaß sind diese Ängste für uns unerträglich. Um uns vor dem inneren Zusammenbruch zu schützen, mobilisieren wir verschiedene psychologische Abwehrstrategien wie Verdrängen, Verleugnen oder Verharmlosen.
Systemische Widerstände im Hinblick auf Verhaltensänderung:- Die Macht der Gewohnheit:
Es gibt Schwachstellen in der Verhaltensbereitschaft. Auch wenn grundsätzlich Bereitschaft zum Umwelthandeln geäußert wird, ist oft die konkrete Bereitschaft zur Umsetzung viel geringer. Häufig verhindern eingeschliffene Gewohnheiten ein verändertes Verhalten. - Der Rahmen des Möglichen:
Verhalten ist von Verhaltensmöglichkeiten abhängig. Nur wenn Verhaltensalternativen zu umweltbelastendem Verhalten gegeben sind, ist ein umweltfreundliches Verhalten möglich. So ist z. B. der Verzicht auf das Auto nur möglich, wenn der Öffentliche Verkehr entsprechend gut ausgebaut ist. - Was die anderen dazu sagen:
Sich umweltbewusst zu verhalten kann negative soziale Konsequenzen haben: Es ist unbequem, zumindest aber verunsichernd, weil eingeübte und automatisierte Verhaltensweisen verändert werden müssen. Es ist nicht nur häufig teurer, sondern zieht, je nach dem Milieu, in welchem man lebt, unter Umständen die verwunderten Blicke der Nachbarn auf sich.
FazitDass sich "Umweltlernen" oder ein "verändertes Umweltverhalten" tatsächlich ereignen, ist zunächst eher unwahrscheinlich. Dafür bedarf es eines Prozesses, der sich durch das Zusammenwirken vieler Faktoren auszeichnet, die sich nicht unbedingt "herstellen" lassen. Es besteht jedoch durchaus die Chance jenseits eines kognitiven Lehr- und Lernmodells, neue Verhaltensperspektiven aufzuzeigen. Dabei steht konkretes Erleben im Mittelpunkt. Weg vom UmweltbewusstseinFragt man Menschen, die Umweltbildung betreiben (oder auch Leute, die umweltpolitisch arbeiten), was denn das Ziel ihrer Bemühungen ist, so wird man häufig hören, daß es darum geht, über die Vermittlung von Umweltwissen zu positiven Umwelteinstellungen zu kommen, die dann ein anderes Umweltverhalten bewirken sollen. Zahlreiche Studien seit Anfang der 80er Jahre haben jedoch gezeigt, daß solche Zusammenhänge nicht oder nur in geringem Maße vorhanden sind. Nur ein kleiner Teil umweltgerechten Verhaltens ist durch ein solches Umweltbewusstsein erklärbar. Systemisch-konstruktivistische Erkenntnisse machen deutlich, daß es weder den direkten Weg einer Information hin zum Ort des Wissens, noch jenen vom Wissen zum entsprechenden Verhalten gibt. Dazu kommt: Es gibt kein "Gesamtumweltverhalten". Verhalten ist vielfältig, ein sehr heterogenes Gebilde. Wer an einer Stelle umweltgerecht handelt, muss dies noch lange nicht an anderen Stellen auch tun Hin zum UmwelterlebenVor diesen Überlegungen tendiert die Umweltbewusstseinsforschung mehr und mehr dahin, die Frage der Lebensstile in den Mittelpunkt zu stellen. Ökologisches Verhalten wird als eingebettet in den Lebenszusammenhang der Menschen verstanden. Nur in wenigen Bereichen begründet sich umweltgerechtes Verhalten in erster Linie aus ökologischen Motiven. Von viel größerer Bedeutung ist der Lebensstil. Die umweltpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen soll daher durch konkrete und anschauliche Methoden Alternativen aufzeigen. Kinder und Jugendliche müssen sich selbst mit Spaß und Interesse als Akteure erleben, sich in neuen Möglichkeiten und Betrachtungsweisen entdecken. Ziel des LÖWE-Projektes wäre letztlich, in einem ungewohnten und neuen, aber vorbereitetem Lernumfeld Perspektiven für alternative Lebensstile anzudeuten. Dies geschieht in einzelnen Einheiten. Die angewandten Methoden, die LÖWE-Bausteine, sollen dabei so weit als möglich "mit nach Hause genommen werden können".
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